Es gibt einen Moment im Februar, den ich jedes Jahr verfluche: Die Sonne kommt raus, die Terrasse ist trocken, und plötzlich sehe ich das Gerippe. Nackte Triebe, vertrocknete Blätter, ein „Sichtschutz", der aussieht wie ein Besen. Das passiert Ihnen nur einmal, wenn Sie beim Pflanzen nicht auf das Wörtchen immergrün geachtet haben. Und selbst dann hat mich die Sache in den ersten Jahren mehr gekostet als gedacht.
Ich habe inzwischen vier Fassaden und drei Rankgitter bepflanzt, zwei davon wieder abgerissen, weil ich zu schnell zur falschen Art gegriffen habe. Deshalb geht es hier um eine immergrüne Kletterpflanze, die tatsächlich durch den Winter kommt, um giftige und ungiftige Kandidaten, um den Unterschied zwischen „immergrün" und „wintergrün" (der wird ständig verwechselt) und um die Sorte, die ich heute jederzeit wieder kaufen würde.
Wichtige Erkenntnisse
- Immergrün ist nicht gleich winterhart. Manche Arten behalten Blätter, erfrieren aber trotzdem bei der ersten strengen Nacht.
- Wintergrün ≠ immergrün: Viele Pflanzen halten nur einen Teil ihres Laubs über die kalten Monate und werfen den Rest ab.
- Efeu und Geißblatt sind die zuverlässigsten Kandidaten für Schatten bzw. Sonne, aber Efeu ist giftig und greift Fassaden an.
- Für einen schnellen, dichten Sichtschutz ist eine zweite Art als Lückenfüller oft sinnvoller als eine einzige Wunderrpflanze.
- Die Fassade entscheidet mit: an geputzten oder gedämmten Wänden brauchen Sie eine Rankhilfe mit Abstand.
„Immergrün" oder „wintergrün"? Warum dieses Detail über Erfolg und Misserfolg entscheidet
Die Gartenszene benutzt beide Begriffe, als wären sie austauschbar. Sind sie nicht.
Was „immergrün" botanisch wirklich heißt
Immergrün heißt: Die Pflanze wirft ihr Laub nicht im Herbst kollektiv ab. Sie erneuert die Blätter über das Jahr verteilt. Das ist ein Mechanismus, der in milden Winterregionen entstanden ist, und genau da liegt das Problem für Mitteleuropa.
Der Klassiker: Clematis armandii wird in jedem zweiten Gartenmagazin als „immergrün" geführt. Stimmt. Sie stammt aber aus China, wächst wild in immerfeuchten Bergregionen, und bei Dauerfrost unter etwa minus zehn Grad sieht sie nach einem Winter bei mir aus wie vertrockneter Tee. Blätter dran, Farbe tot. Der Ratgeber sagt „immergrün", der Garten in Hannover sagt „nicht winterhart". Beides korrekt.
Wintergrün: ehrlicher, aber mit halber Wahrheit
Wintergrün ist der Fachbegriff für Kandidaten, die einen Teil ihres Blattwerks über den Winter behalten. Viele Lonicera-Sorten fallen darunter, einige Bodendecker auch. Sie sehen im Januar nicht kahl aus, aber auch nicht grün wie im Juli. Wenn ein Etikett also „wintergrün" schreibt und Sie „immergrün" erwarten, sind Sie selbst schuld. Ehrlich gesagt, ich war es anfangs auch.
Kurz gesagt: Prüfen Sie vor dem Kauf zwei Dinge getrennt voneinander. Erstens, ob die Art immergrün ist. Zweitens, ob die Art die Winter bei Ihnen aushält. Eine Antwort ist keine Garantie für die andere.
Welche immergrüne Kletterpflanze ist winterhart und schnellwachsend?
Hier die Liste, die ich nach 15 Jahren Gartenarbeit für belastbar halte, mit der wichtigsten Einschränkung gleich vorweg:
Immergrünes Geißblatt (Lonicera henryi)
Mein Favorit. Wächst bei mir pro Saison gute 80 bis 120 Zentimeter, hat mit dem Winter bisher nie Probleme gehabt, und im Juni ist er übersät mit gelben Blüten. Der Duft ist nicht aufdringlich, Bienen fliegen trotzdem drauf. Achtung, das Ding ist ein Kletterer, kein Fassadenbegrüner, der sich festhält. Ohne Rankhilfe wächst es irgendwohin, nur nicht dahin, wo Sie wollen.
Efeu (Hedera helix)
Der Klassiker fürs Schattenbeet und die zuverlässigste Pflanze aus diesem ganzen Haufen. Nachteil: Er haftet mit Haftwurzeln direkt an der Wand und unterwandert Putz und Fugen. An einer reinen Putzfassade sehen Sie das erst nach Jahren, wenn die Wurzeln die Oberfläche abgesprengt haben. An einer alten Mauer dagegen ist es ein Geschenk.
Sternjasmin (Trachelospermum jasminoides)
Riecht im Sommer wie ein Paradies, sieht immergrün aus, ist aber in unseren Breiten ein Grenzfall. In wintermilden Regionen am Rhein top, hinter der Oder ein Glücksspiel. Ich habe einen an einer Südwand stehen, der lebt, und einen an einer Nordschleife, der im zweiten Winter gegangen ist.
Kriechspindel (Euonymus fortunei)
Die robusteste Wahl für sehr sonnige Lagen und für Leute, die wenig gießen. Blüht kaum, ist aber zuverlässig winterhart und schnurgerade nach oben zu ziehen. Genau das ist der Grund, warum ich sie als Lückenfüller hinter einer blühenden Art einsetze.
Sichtschutz ohne kahlen Winter: was tatsächlich funktioniert
Der Klassiker auf jeder Terrasse: ein Rankgitter, ein paar Triebe, und im Juni alles zugewachsen. Dann kommt der November, und der Nachbar sieht Ihnen beim Kaffeetrinken zu.
Die Zwei-Schichten-Taktik
Was bei mir nach zwei Fehlversuchen funktioniert hat, ist eine Kombination: Ein schnell wachsender Immergrüner als Grundgerüst, ein zweiter als Frühling bis Herbst in die Höhe. Konkret bei mir: Geißblatt in zwei Meter Abstand gesetzt, dazwischen eine Euonymus-Pflanze, die den unteren Bereich dicht hält, weil das Geißblatt unten oft verkahlt.
Das Ergebnis ist nicht sofort dicht. Wer Fenster im Erdgeschoss hat und die Blicke von nebenan dringend abhalten will, braucht Geduld oder Sichtschutz-Elemente aus Holz als Zwischenlösung. Heuchelei hilft hier niemandem: Eine Kletterpflanze, die von 60 Zentimetern auf drei Meter wächst, gibt es nicht. Was in zwei Saisons dicht ist, ist eine Ausnahme. Alles andere braucht drei, vier Jahre.
Rankgitter mit Abstand zur Wand
Bei gedämmten oder frisch verputzten Häusern hört der Spaß an der Wand auf. Dann muss die Rankhilfe etwa 10 bis 15 Zentimeter Abstand halten, damit Luft zirkuliert und die Fassade trocknen kann. Sonst haben Sie in fünf Jahren Feuchtigkeit in der Dämmung. Das ist ein Satz, den ich gerne früher gelesen hätte.
Giftig oder ungiftig? Was Sie wissen müssen, wenn Kinder oder Hunde im Garten sind
Das ist der Punkt, den die meisten Pflanzenportale auslassen. Und das ist der Punkt, an dem ich am lautesten reagiere.
Wo Vorsicht nötig ist
- Efeu: alle Pflanzenteile sind giftig, besonders die Beeren. Bei Berührung kann der Saft Hautreizungen auslösen.
- Geißblatt: Die Beeren sind für Kinder und Haustiere giftig, auch wenn die Versuchung wegen der schwarzen Farbe groß ist.
- Clematis allgemein: giftig, auch die der wintergrünen Sorten.
Was ich eher empfehlen würde
Der Sternjasmin ist bei den gängigen immergrünen Kletterern einer der harmloseren Kandidaten, aber er ist nicht in jeder Zone winterhart. Wenn Kinder durch den Garten turnen und Sie sich keine Gedanken machen wollen, ist eine Entscheidung für eine robuste, aber giftige Pflanze nur mit klarer Rankhilfe in sicherer Höhe zu empfehlen, also außerhalb der Reichweite von Händen und Mäulern.
Spoiler: Eine ungiftige und zugleich immergrüne und winterharte Kletterpflanze, die auch noch schnell wächst, werden Sie kaum finden. Irgendwo in dieser Liste müssen Sie einen Kompromiss eingehen.
Die Kandidaten im direkten Vergleich
| Pflanze | Immergrün | Winterhärte | Wuchs pro Jahr | Lichtbedarf | Giftigkeit |
|---|---|---|---|---|---|
| Geißblatt (Lonicera henryi) | ja | hoch | 80–120 cm | Sonne bis Halbschatten | Beeren giftig |
| Efeu (Hedera helix) | ja | sehr hoch | 50–100 cm | Schatten bis Halbschatten | stark giftig |
| Sternjasmin | ja | mittel (Grenzfall) | 60–90 cm | volle Sonne, geschützt | gering giftig |
| Kriechspindel | ja | hoch | 30–60 cm | volle Sonne bis Schatten | giftig |
| Clematis armandii | ja | niedrig | 100 cm und mehr | sonnig, windgeschützt | giftig |
Volle Sonne? Diese immergrüne Kletterpflanze hält es aus
Prallsonne und Südwand sind für viele Immergrüne ein Problem, weil sie im Winter bei gefrorenem Boden austrocknen. Der Boden gibt kein Wasser nach, die Sonne zieht es aus den Blättern, und die Pflanze verdurstet kalt.
Was ich an der Südwand gemacht habe
Gießen Sie im Herbst noch einmal richtig durch, bevor der erste Frost kommt. Das klingt banal, hat bei mir aber den Unterschied gemacht. Zweitens: Die Kriechspindel und das Geißblatt halten die Sonne deutlich besser aus als der Sternjasmin. Bei mir hat der Geißblatt an der Südwand den Winter verloren, der an der Nordwand überlebt hat.
Der Boden entscheidet mit
Ein Boden, der im Winter Staunässe hält, ist tödlich für die Wurzeln egal welcher Art. Ich habe mir mit einer Drainageschicht aus Kies unter dem Pflanzloch mehr Ruhe verschafft als mit jedem Wintervlies. Ehrlich gesagt, das Vlies hat bei mir nie geholfen.
Was fast niemand erwähnt: Nachbarrecht und Rückschnitt
Eine Kletterpflanze an der Grundstücksgrenze ist ein juristisches Thema, kein gärtnerisches. Die zulässigen Abstände hängen vom Bundesland ab und davon, ob die Pflanze als Hecke oder als einzelner Strauch gilt. Ich habe mir das einmal angeschaut, nachdem ein Nachbar sich beschwert hat, weil das Geißblatt durch den Zaun wuchs. Das Ergebnis: Er hatte recht. Ich hätte zurückschneiden müssen, und zwar nicht erst nach der Blüte, sondern früher.
Praktischer Tipp aus dieser Peinlichkeit: Schneiden Sie Rückschnitte grundsätzlich von Ihrer Seite aus, und zwar so, dass nichts auf das Nachbargrundstück ragt. Nicht nur, weil es höflicher ist, sondern weil die Pflanze es oft besser verkraftet als ein späterer Streit.
Die Frage, die mir bleibt
Nach all den Jahren und zwei abgerissenen Pflanzungen ist meine ehrliche Antwort: Für die meisten Gärten ist das immergrüne Geißblatt die pragmatischste Wahl. Es ist nicht giftfrei, es ist nicht die schnellste, und es braucht eine Rankhilfe. Aber es kommt durch den Winter, hält das Laub, blüht und wächst verlässlich.
Wer Kinder oder Hunde hat, sollte stattdessen lieber über eine winterharte, blühende Kletterpflanze nachdenken, die im Winter kahl wird, und einen Sichtschutz aus anderem Material einplanen. Nicht jede Ecke im Garten muss grün bleiben. Manchmal ist der ehrlichere Plan der bessere.
Und falls Sie zu den Leuten gehören, die im Februar wieder auf die Terrasse schauen und sich über einen nackten Zaun ärgern: Vielleicht ist das gar nicht Ihre Pflanze, sondern die falsche Erwartung. Die Sonne kommt sowieso zurück.